Bernd Hoffmann,   Die dunkle Seite

 

Du verschwindest jetzt von meinem Grundstück. Und zwar ganz schnell!“

Hendrik sah ein, dass er so nicht weiter kam und versuchte sich zu beruhigen.

Okay“, entgegnete er also beschwichtigend. „Fangen wir noch mal von vorne an.”

Hast Du Tomaten auf den Ohren, oder was!?“, fuhr der Mann ihn an. „Ich sagte du sollst verschwinden!“

Hören Sie zu!“, verlangte Hendrik so ruhig wie möglich. „Ich bin Pfleger im Seniorenzentrum am Schlossberg, und die Dame neben ihnen ist Frau Allersfeld.”

Erzähl keinen Scheiß!“, konterte der Mann. „Erstens laufen die Pfleger in Weißzeug rum, und nicht in Jeans und Pullover. Und Zweitens, habe ich genau gesehen, dass du der Frau nachgelaufen bist. Aber da bist du an den Falschen geraten. Also mach die Fliege!”

Hendrik konnte nicht fassen, dass dieser Typ so stur war. Zumal Frau Allersfeld sich bislang völlig passiv verhalten hatte. Also versuchte er den letzten Ausweg der ihm noch blieb.

Frau Allersfeld, sie kennen mich doch“, sprach er sie also direkt an. „Sagen Sie dem Herrn doch bitte wo sie wohnen.

Frau Allersfeld blickte völlig verständnislos zwischen den beiden Männern hin und her.

Ich wohne in Breslau“, erklärte sie schließlich mit dünner Stimme und trat noch einen Schritt näher zu dem unbekannten Mann.

Hendrik stöhnte innerlich auf, versuchte aber dennoch sachlich zu bleiben.

Ja, früher haben sie in Breslau gewohnt“, ging er notgedrungen auf ihre Bemerkung ein. „Aber das ist doch schon lange her. Heute wohnen sie woanders. Vor zwei Jahren …”

Lass den Scheiß!“, unterbrach der Mann ihn erneut. „Die Frau bleibt hier! Und wenn du nicht augenblicklich verschwindest dann lasse ich die Hunde los.“

Das gibt’s doch gar nicht!“, entfuhr es Hendrik. „Hören Sie, wir können gerne gemeinsam zum Seniorenzentrum gehen. Da lässt sich alles klären. Neben ihnen steht Frau Allersfeld. Die wohnt im Seniorenzentrum am Schlossberg. Haus A, Zimmer 19.“

Ich glaub dir kein Wort!“, konterte der Mann. „Also gib dir keine Mühe.“

Herr Gott, dann fragen Sie die Frau doch selbst.“, entgegnete Hendrik, der keineswegs bereit war aufzugeben. „Fragen Sie die Dame wie sie heißt!“

Ich heiße Amalie“, erklärte Frau Allersfeld in diesem Moment. Sie schaute den Mann dabei mit einem Ausdruck an, der wohl kokett sein sollte. Aber mit ihren 92 Jahren wirkte das nur grotesk.

Schon gut, Amalie“, erklärte der Mann dennoch ein wenig freundlicher. „Kennst Du diesen Mann da vorne?“

Frau Allersfeld schaute etwas verunsichert zu Hendrik hinüber. Aber schließlich nickte sie.

Ja, den kenne ich.“ erklärte sie sodann.

Aber Hendriks Erleichterung verwandelte sich sogleich in blankes Entsetzen.

Das ist der Mann, der nachts schon dreimal vor meinem Bett stand“, stellte sie nämlich gleich darauf fest. „Und keiner hat was dagegen getan.“

So, das reicht!“, entschied der Mann fast erwartungsgemäß. „Ich rufe jetzt in die Polizei, du Schwein!“


Udo Fröhlich,  Die Burnout Klinik

 

Ich drückte auf den Türöffner und stand kurz darauf wieder im Wartebereich. Zwei Stühle waren besetzt. „Hallo“, grüßte ich und bekam ein kollektives „Hallo!“ zurück. Etwas unschlüssig schaute ich zwischen Stühle und Milchglastür hin und her. Ich entschloss mich, anzuklopfen. Schwester Anastasia öffnete wieder. „Ah, Herr Reimann. Sie dürfen noch einen Moment sitzen. Ich rufe auf.“ Somit hockte ich mich zu den anderen Beiden.

Auch neu?“, fing ich mal ein Gespräch an. Der Mann mir gegenüber nickte; schwieg aber ansonsten. Die Frau neben ihm starrte auf den Fußboden. „Orthopädie oder Psychiatrie?“, fragte ich neugierig weiter. „Psychosomatisch“, antwortete der Kerl. Die Frau starrte weiter den schäbigen Fußboden an. Ich tippte bei ihr ebenfalls auf Psychiatrie. Vielleicht konnte sie aufgrund starker Rückenschmerzen nicht sprechen; demzufolge eher ein Orthopädiefall. Nach Adipositas sah sie zumindest nicht aus. Den Rest einer Konversation schenkte ich mir dann. Sollen die doch auch mal etwas sagen. Sie sagten aber beide nichts. Egal. Genug Smalltalk. War eh nicht so mein Ding.

Herr Reimann, bitte!“ Die Milchglastür war aufgeflogen und Schwester Anastasia winkte mich herbei. Ich überreichte ihr brav meine Anmeldeformulare, die mir Herr Braun von der Rezeption ausgehändigt hatte. „Wir nehmen jetzt bisschen Blut ab, dann wiegen und messen. Stationsarzt wird heute Nachmittag genauer untersuchen. Haben Sie Medikamentenplan?“ Natürlich hatte ich meinen Medikamentenplan dabei. Schließlich nahm ich täglich fünf Pillchen zu mir. Gegen Bluthochdruck und seit neuestem meine „Nik ist gut drauf-Psycho-Pillchen.“ „Haben Sie Tabletten von zu Hause mitgebracht?“ Hatte ich. „Falls Sie benötigen neue Tabletten, bitte immer eine Tag vorher Bescheid. Nächste Tag um 14 Uhr ist Medikamentenausgabe.“ Hatte ich dann zur Kenntnis genommen.

Ich wog genauso viel wie zu Hause und war erwartungsgemäß nicht geschrumpft. Schwester Anastasia meinte, ich würde einen sportlichen Eindruck machen. Schön, wenn jemand mit einer leichten Plauze, einem Bandscheibenvorfall und angerissenem Meniskus trotzdem nach Leichtathlet aussah. Ich grinste. Aber letztendlich hatte die Klinik vor ein paar Tagen sämtliche Untersuchungsberichte meiner Ärzte erhalten und der Stationsarzt würde sich die mit Sicherheit genau ansehen. Hoffte ich doch mal.


Udo Fröhlich,   Drauf geschissen

 

Es gab Platzkarten und das war schon der erste Fehler, den Ärmels gemacht hatten. Irgendwie wollte so gar keiner neben Onkel Wolfgang sitzen. Das wurde zwar nicht direkt gesagt, aber doch recht deutlich gezeigt. Es setzte sich noch niemand auf die beiden Plätze neben ihn. Angedacht waren diese für seine Frau, was ja klar war, und für Oma Gertrud. Die aber nahm immer wieder ihr Platzkärtchen in die Hand und versuchte mit Oma Paula oder Opa Willi zu tauschen. Das gelang ihr aber nicht. Onkel Wolfgang und seine Frau waren noch nicht eingetroffen. Wahrscheinlich fand der Dicke wieder die Gurtpeitsche nicht, um den Gurtklip einrasten zu lassen.

Da sind wir. Wölfi hatte Probleme beim Anschnallen.“ Mit diesen Worten betraten Onkel Wolfgang und Tante Waltraud den Raum. Onkel Wolfgang (Wölfi) schwitzte. Na klar. „Claas, hast Du eine Abkürzung über den Acker genommen?“, fragte Onkel Wolfgang als Anspielung auf Claas verdreckten Jeep und lachte. „Klar, deshalb fahre ich so ein Auto.“ Oma Gertrud saß dann doch neben Onkel Wolfgang. Da sie selbst auch kein zartes Rehlein war, wirkten beide etwas gequetscht und angespannt, so dicht nebeneinander. Conny brachte für jeden ein Glas Sekt, mit und ohne Alkohol, zur Begrüßung. „Habt ihr denn kein Bier?“, maulte Opa Alfred, der Mann von Oma Gertrud. „Beim Essen servieren wir auch Bier“, säuselte Conny. Das war der zweite Fehler dieser Veranstaltung. „Sekt mag ich nicht.“ Mit einer abweisenden Geste gab Opa Alfred seiner Ablehnung gegen die Prickelbrause noch mehr Aussagekraft. Fast guckte Conny etwas beleidigt. „Ich nehme dafür zwei Gläser“, sagte Claas und zwinkerte der jungen Bedienung zu.

Du musst doch noch fahren!“, ermahnte ihn seine Mutter, die tatsächlich alles hörte, wie sein Vater immer bemerkte. „Dann nur ein Glas, bitte.“ Conny überreichte ihm das Gläschen und lächelte. Nachdem sich die relativ kleine Gesellschaft gesetzt hatte, servierte Conny mit einer Kollegin die heiße Spargelcremesuppe. Das Gemurmel hörte augenblicklich auf und alle stürzten sich auf ihren dampfenden Teller vor sich. Opa Alfred schlürfte, was das Gebiss hergab .

Alfred, benimm dich mal!“, kam auch prompt die Ermahnung seiner Frau.

Wenn ich schlürfe, schmeckt es mir.“

Claas blickte beim Essen einmal in die ganze Runde und dachte: „Oh Gott, was sind das alles für Spießer. Und das ist meine Verwandtschaft. Ablehnende, rebellische Gedanken in seinem Kopf. Auf jeden Fall dieser „Da gehöre ich doch gar nicht dazu“ -Gedanke. Gehörte er aber. Und das passte ihm gerade überhaupt nicht. 


Dr. Heinrich Pingel,  Grenzgänger

 

Es hilft nichts. Es geht weiter. Noch ist der Akku etwas geladen, es geht bergan und irgendwie komme ich wieder auf den Kolonnenweg, der mir allerdings aufgrund der Hoppelei nach einem Kilometer zuviel wird. Durch eine Wiese geht es auf die Landstraße. Ich komme an einer Herde Schafe vorbei, die das Grüne Band wohl kultivieren sollen, vielleicht sogar im Auftrag des BUND.

In Eicha ist es nachmittags um halb fünf bullenheiß. Ich werde argwöhnisch beäugt, wie ich mit meinem Stativ Fotos von mir, dem Fahrrad und den Grenzreliquien mache. Bei der Umarmung des DDR-Grenzpfahles in Schwarz-Rot-Gold weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll …, anscheinend zu viele traurige Erinnerungen. Vielleicht kommt auch die Hitze noch dazu.

Im unterfränkischen Irmelshausen habe ich kurz vor sechs keine Lust und Kraft mehr weiterzufahren. Gasthaus „Zur Linde“. Familienbetrieb. Die gute alte Zeit der 60er und 70er Jahre. Ein freundlicher Wirt im fortgeschrittenen (in meinem) Alter bietet mir ein ruhiges Zimmer an. Die Dusche ist herrlich. Die Beine und die Schulter schmerzen. Ich trinke nach der Dusche eine Flasche Wasser, mehrere Birnenschorlen usw. Das Rostbrätl und der Salat schmecken.

Als ich wieder ein paar Tagebuchnotizen gemacht habe, gehe ich noch einmal vor die Tür und frage einen älteren, langhaarigen Mann: „Was malst du da?“ – „Von Ihnen lasse ich mich nicht mit Du anreden, wir haben noch keine Schweine zusammen gehütet.“ Es stellt sich heraus, dass er ein Tagebuch mit sehr schönen Malereien führt und ein Aussteiger aus München ist, der schon in den 90er Jahren nach der Öffnung der Grenzen in diesen bayrischen Grenzort gekommen ist. Bundeswehr, BGS und Amerikaner hätten hier zu DDR-Zeiten auch ihre Spitzel im Ort gehabt. Hier sei eine hohe Militärkonzentration vorhanden gewesen. Fulda-Gap. Wir diskutieren über Zeitgeschichte, die Generation der 68er und schließlich bietet er mir an, morgen sein Atelier zu besuchen. Welch eine Ehre.


Ulrich Pflug,   Alles für die Katz

 

Hol’s der Teufel!“ fluchte ich laut, als ich fühlte, wie ich an den Schultern geschüttelt wurde.

Roger, was ist los mit dir?“

Hagen stand vor mir, hatte mich an den Schultern gepackt und sah mich mit großen Augen an.

Ist dir nicht gut? Bist du krank? Du bist plötzlich stehen geblieben und wurdest weiß wie eine frisch gekalkte Wand. Dann hast eine Weile völlig abwesend vor dich hin gestarrt und plötzlich begonnen zu fluchen. – Bist du sicher, dass alles mit dir in Ordnung ist?“

In Ordnung? Nichts war in Ordnung!! Nur konnte ich ihm den Grund dafür natürlich nicht nennen, denn wie hätte ich ihm meine mentale Plauderei mit Silvia erklären sollen?

Irgend etwas stimmt nicht! Silvia und Reinald droht Gefahr! Komm!“

Ich rannte los, ohne eigentlich zu wissen, was ich tun wollte. Silvia hatte etwas von einer Horde finsterer Gestalten gesagt. Eine Horde! – Wie viele waren das? Hatten wir zu zweit überhaupt eine Chance? Hinter mir hörte ich Hagen keuchen.

Wie ... wie ... wie kommst darauf, dass den beiden Gefahr drohen könnte? Hast du das zweite Gesicht?“

Intuition.“ erwiderte ich knapp, weil mir keine vernünftige Antwort einfallen wollte und mir genügend andere Dinge durch den Kopf gingen. Was würde geschehen, wenn es mir nicht gelang, wieder in Silvias Nähe zu kommen? Ich sah mich schon ziemlich verlassen durch eine Zeit wandern, in die ich nicht gehörte, und das war eine Vorstellung, die mir nicht wirklich behagte.

Intu ... was?“

Vergiss es! Glaub mir einfach!“

 

 

Hildburg schloss sekundenlang die Augen, schalt sich insgeheim eine alte Närrin und schüttelte unmerklich den Kopf, um sich von dieser Vorstellung frei zu machen. Dies geschah so unauffällig, dass nur ein sehr aufmerksamen Beobachter bemerkt haben würde, dass sie in Gedanken ziemlich weit von der Rezeptur entfernt war, welche sie gerade erklärte.

So sehr sie sich aber auch bemühte, so recht wollte ihr es nicht gelingen. Während sie beide eine Rezeptur gegen den Bauchfluss besprachen, musterte sie zum wiederholten Male ihren Besucher, nur um letztlich festzustellen, dass sie diesen Mann nicht einordnen konnte. Die Junker, die ihr bislang begegnet waren, hatten sich zumeist viel darauf eingebildet, Schwert und Lanze führen zu können, dieser trug jedoch nicht einmal eine Waffe. Auch macht er ihr nicht den Eindruck, als habe er jemals eine andere Waffe als sein Tafelmesser heldenhaft an einem saftigen Braten erprobt.


Eva Brotmann,   Byrons Fluch

 

Mensch, siehst du fertig aus.“

Mist.“ Er feixste. Als er oben angekommen war, machte sie ihm Platz. Er blieb aber direkt vor ihr stehen. Sie hatte ihre Arme um den Oberkörper geschlungen, stand in ihrem Bademantel gehüllt vor ihm und beobachtete ihn aufmerksam. Er konnte ihren noch bettwarmen Körper förmlich spüren. „Du hast aber gute Augen bei diesen Lichtverhältnissen.“

Ich bin schon länger wach und hatte kein Licht an. Außerdem steht über deinem Kopf eine Neonleuchtreklame, auf der `Müde´ und `Kaputt´ steht.“

Er lachte leise. „Ja, da hast du recht.“ Dann gähnte er ausgiebig und streckte sich.

Ich gehe jetzt duschen und dann ins Bett. Mir tun alle Knochen weh.“

Auf ihrem Gesicht machte sich Sorge breit. „Was war denn los? Was schlimmes?“

Er befühlte den Verband an seinem Arm, sagte aber: „Nein, alles ist gut gegangen. Wir haben lange etwas vorbereitet und mussten jetzt schnell reagieren. Nur die Anspannung muss ich weg duschen. Sonst habe ich morgen Muskelkater.“

Ihr Blick war seiner Armbewegung gefolgt. Durch sein Hemd konnte er den Verband sehen. John sagte schnell. „Auch nichts Wildes. Nur `ne Schramme.“ Sie zog eine Augenbraue hoch, sagte aber nichts. John ging an ihr vorbei, wobei er ihr kurz über den Oberarm strich. Sie war wirklich noch sehr bettwarm.

Schon im Bad drehte er sich nochmal zu ihr um. „Mach dir keine Sorgen. Das ist mein Job und ich bin es gewöhnt. Ich mache das sogar freiwillig und gerne. Weck mich nur, wenn das Haus brennt. Gute Nacht!“

Er nickte ihr nochmal zu und schloss die Tür. Lehnte sich von innen dagegen und lauschte. Leise schloss sich ihre Zimmertür. Er runzelte die Stirn. Irgendwie war ihm das nicht so wirklich recht, dass sie ihn so gesehen hatte. Er zog sich aus und warf die Sachen in den Wäschekorb. Den Verband ließ er dran und ging unter die Dusche. Er grübelte nach, was genau ihn gerade gestört hatte, während ihm das heiße Wasser in den Nacken prasselte. Dass sie so schnell so viel von seinem Job mitbekam, störte ihn schon. Das ließ sich aber nicht vermeiden, wenn man so nah zusammen wohnte. Chris bekam Kleinigkeiten ja auch mit und seiner Ex konnte er damals auch nicht alles verheimlichen. „Aber Ellen weiß jetzt schon mehr als Dorothea in den ganzen vier Jahren mitbekommen hatte. Sie scheint mir manchmal in den Kopf gucken zu können. Sie ist einfach aufmerksamer als Dorothea jemals war.“ Das war es aber nicht, was ihn störte. Er hatte immer ihr besorgtes Gesicht vor Augen. „Sie hat ja selbst genug Probleme mitgeschleppt. Ich möchte nur nicht, dass sie sich auch noch Sorgen um mich macht.“ Er drehte das Wasser ab und verließ die Dusche. Beim Abtrocknen löste er den Verband und besah sich seinen Arm. Dann verband er ihn neu und ging ins Bett. 


Claudia Schuttkästing,  Dumm gelaufen ...

 

Verdammt, irgendetwas musste ihm heute Nacht entgangen sein. Irgendwie war da was anders als sonst und lief gehörig schief. Jetzt kam er doch schon so oft hier her um sich den Kofferraum seines in die Jahre gekommenen Toyota Carina - warum sollte es seinem Auto besser gehen als ihm - mit allerfeinstem Mulch vollzuladen, als es, nicht weit von ihm, hinter der nächsten Hecke dumpf zu grollen begann. Ein Gewitter war für heute doch gar nicht angekündigt gewesen und, dass jemand die Mülltonnen an die Straße rollte, war auch unwahrscheinlich, schließlich war der Abfuhrtag dafür bereits gestern gewesen. Das Grollen nahm zu und entwickelte sich zu einem kehligen Knurren. Jetzt sogar im Duett.

Meinolf Siegert sah sich, äußerst unwohl fühlend, um und blickte direkt in die Augen von zwei riesengroßen Dobermännern, die in bedrohlicher Haltung, zähnefletschend, geifernd und knurrend auf ihn zu schlichen. Langsam bewegte er sich Schritt für Schritt rückwärts, nicht, ohne diese beiden Bestien im Blick zu behalten. Er hatte, seit er als Kind vom Dackel der Freundin seines Vaters in die Enge seiner Kinderzimmerecke verbellt worden war, unbändige Angst vor Hunden und wusste, dass diese die Angst an einem riechen konnten.

Und dass gerade diese beiden nun ausgerechnet heute an einer Erkältung, oder günstigerweise gleich an einem Gendefekt der Riechorgane leiden sollten, hielt er dann doch für relativ ausgeschlossen. Machten nicht so den Eindruck, die beiden.

Also immer schön langsam rückwärts und dabei den Viechern am besten immer schön feste in die Augen sehen. Wieso liefen die hier überhaupt zu so später Stunde noch rum? Und auch noch alleine. Da fuhr man extra auf 00:30 Uhr los, um eben niemandem zu begegnen und dann das. Und die kamen verdammt flott näher, was sie auch nicht sympathischer machte.

Meinolf Siegert begann, eine kapitale Panikattacke zu schieben und sah sein ganzes Leben - das bislang abgelaufene, wohlgemerkt - wie in einem aberwitzig schnell laufenden Programmkino an sich vorüberziehen. Sollte es das also jetzt allen Ernstes gewesen sein? Endlich lief es für ihn auch mal richtig rund und nun das. Ungerecht war das. Einfach nur ungerecht.